Rede von Friederike Moos

vor dem Sozialausschuss des Gemeinderats der Stadt Freiburg

im Namen von sieben Wohnprojekt-Initiativen

am 6. Dezember 2007

 

Herr Bürgermeister von Kirchbach,

Meine Damen und Herren,

 

Die Würde des Menschen ist unantastbar – darin sind wir uns einig!

Doch wie sieht es damit im Alltag aus? Und wie  insbesondere im Alter?

Welchen Stellenwert haben z.B. ursprüngliche Bedürfnisse des Menschen nach Selbstbestimmung, Sicherheit, Geborgenheit und Solidarität?

Generationsübergreifendes, selbstgewähltes Zusammenleben kann eine Alternative für ein engagiertes Miteinander sein.

Wie das funktionieren kann, möchte ich Ihnen  heute gerne erläutern.

Mein Beitrag ist in Zusammenarbeit mit 7 alternativen Wohnprojekten in Freiburg entstanden.

Es sind dies:

AWI ................................................................z.Z.24 Mitglieder

Die Arche .........................................................ca.40 Mitglieder

Die initiative zur Lebensgestaltung im Alter .........etwas mehr als 40

Milan................................................................................20

WirHaus..........................................................................25

Wohninitiative Amigos Rieselfeld................................14

Wohninitiative Miteinander Füreinander ....................12

Wir sind – wie so viele Projekte in Deutschland – aus der Einsicht heraus entstanden, dass die gängige Altenversorgung gesellschaftlich unbefriedigend gelöst ist. Es war und ist unser Bedürfnis, neue Überlegungen zu diesem Thema zu entwickeln.

Im Jahr 2050 wird jeder Dritte in Deutschland 60 Jahre oder älter sein. Wenn wir so weitermachen wie bisher, verdoppelt sich die Zahl der Pflegeheimplätze auf 1,2 Millionen im Jahr 2050. Das bedeutet: alle zehn Jahre eine Finanzierungs-aufstockung um 40 Milliarden Euro.

Dabei wären aber nicht einmal die berechtigten und überwiegend geäußerten Bedürfnisse in der Bevölkerung, - nämlich zu Hause zu leben und zu sterben- berücksichtigt.

Unsere Planungen unterscheiden sich da grundlegend!

Statt Pflege in Pflegeheimen zu institutionalisieren, setzen wir auf Solidarität und zwar im Rahmen einer  verbindlichen und vernetzten Nachbarschaft.

Die alternativen Wohnprojekte, zu denen wir uns alle zählen, suchen sich rechtzeitig einen Verbund von Menschen, die zusammen leben und alt werden möchten und ihre Wohn- und Lebensverhältnisse selbst bestimmen . Wir sind nicht nur eine Baugruppe oder eine Wohngemeinschaft, wird sind beides. In erster Linie aber sind wir eine Gemeinschaft auf der Basis von Übereinkünften im sozialen Bereich und für das Alter.

Unsere Projekte sind generationsübergeifend angelegt und sozial ausgewogen:  Junge und Alte, Kranke und Gesunde, Alleinstehende und Familien, für Menschen mit Migrationshintergrund  und Menschen mit Behinderungen. Weil nur unter diesen Bedingungen Solidarität überhaupt erst entstehen kann.

Solange die Bevölkerungsgruppen mit ihren Besonderheiten voneinander getrennt werden, gibt es gar keinen Spielraum für gegenseitige Hilfe.

In diesem Fall müssen teure Fachkräfte stationäre und ambulante Versorgung leisten, die allzu oft entweder unzureichend oder auch überdimensioniert ist, weil einfach das Umfeld nicht stimmt.

Die Hilfen, die wir uns in unseren Wohnprojekten geben, sind freiwillig und kommen mit erstaunlich wenig Regeln aus. Das liegt daran,  daß wir uns im Laufe des Entstehungsprozesses jeder Gruppe  ausgiebig über Grundssatzfragen verständigt haben

Bei überdurchschnittlichem Pflegebedarf  können wir  Fachkräfte zwar nicht ersetzen, aber bestens ergänzen. Es entsteht ein Pflegemix aus Familienangehörigen, Freunden, Nachbarn und Fachkräften. Ein Beziehunhgsgeflecht, bei dem alle von einander lernen und profitieren.

Die Sicherheit und Geborgenheit, die ein solches Wohnprojekt bietet, erhöhen zweifellos die Lebensqualität der Bewohnerinnen und Bewohner. Das neue Selbstwertgefühl, das daraus entsteht, birgt ungeahnte Kapazitäten. Die können selbst im schlimmsten Fall schwerer Behinderung noch angeregt werden, sei es beim Kochen, bei Geselligkeiten, beim Saubermachen usw.

Bei geringeren Einschränkungen können das auch kommerzielle Tätigkeiten sein. Sicher hatten Sie schon Gelegenheit, im „Gasthaus Himmelreich“ die gelungene Integration von Menschen mit Behinderung zu erleben.

Bei den noch fitten Alten können alle erdenklichen Fähigkeiten  und Begabungen vielfältig eingebracht werden, etwa:

- Hausaufgabenhilfen an benachbarten Schulen

- spontane Kinderbetreuung in der Nähe

- Betreuung ausländischer Mitbürger

- Mitarbeit in der Hospizarbeit

- intellektueller Austausch an Schulen und Kindergärten

- Beteiligung oder Entwicklung von Stadtteilkultur

Ausgehend davon, dass jeder Mensch wichtig sein möchte und damit seine Menschenwürde bewahrt, streben wir eine umfassende Integration unter uns und im Stadtteil an, weil das alle lebendig hält.

Zusammenfassend können wir sagen

Was die Hilfen angeht…

… überwinden wir den Rahmen einer Kleinfamilie und verteilen die Arbeit auf mehrere Personen, machen sie damit erträglicher und entspannter,

… erhalten wir ein vertrautes Umfeld für die Pflegebedürftigen länger aufrecht, weil wir alle Ressourcen verknüpfen,

… können wir sogar sagen, dass eine Unterbringung im Pflegeheim vermieden, verkürzt oder verzögert wird.

Sozialpolitisch ist von Bedeutung…

… dass wir ökonomisch sind, weil wir viel freiwillig abdecken und mit anderen sinnvoll kooperieren,

… dass wir integrierend wirken, weil wir selbst soziale Durchmischung praktizieren aber sie auch im Stadtteil haben wollen,

… dass wir die Lebensqualität erhöhen und damit ein Potential darstellen.

Das Forum für gemeinschaftliches Wohnen (das  Netzwerk für alternatives Wohnen)  hat  an die 100 Mitglieder bestehender oder in Planung befindlicher Initiativen inr ganz Deutschland. Es zeigt sich schon heute, dass sie eine weit reichende gesellschaftliche Kompetenz haben. In Fachkreisen wird bereits von den Wohnformen der Zukunft gesprochen.

Deshalb sollte es ein wichtiges sozialpolitisches Anliegen der Stadt sein, solche Projekte zu fördern!

Die Hauptschwierigkeit bei der Realisierung besteht darin, geeignete Grundstücke oder geeignete Immobilien im Bestand zu finden und sie zu finanzieren.

Das Hauptkriterium ist, dass Vorraussetzungen erfüllt werden, in denen Nachbarschaft entstehen kann. Es nützt nichts, wenn ein Bauträger, vielleicht sogar staatlich gefördert, ein Haus baut und es belegt. Hier Gemeinschaft zu finden, kann allenfalls zufällig gutgehen. Die Projekte funktionieren nur, wenn die Zusammensetzung selbst gewählt und das Zusammenleben selbst bestimmt ist.

Für uns ist deshalb hilfreich, wenn

- die Stadt frühzeitig Grundstücke bekannt gibt oder Grundstücke für alternatives Wohnen reserviert

- die Behörden bei allen rechtlichen Auflage großzügig Spielraum einräumen

-  eine städtische Stelle eingerichtet oder aufgestockt wird, die sich insbesondere um  alternatives Wohnen kümmert .

Ganz konkret haben wir nach langer Prüfung herausgefunden, dass sich das Gelände Gutleutmatten-West in hervorragender Weise anbietet:

- stadtnah und mit unmittelbarer Anbindung an die Straßenbahn

- mit dem Schwimmbad in der Nähe

- und mit mehreren Schulen und Kindergärten im Umkreis

- sowie einer guten Struktur im Stadtteil

Hier möchten wir die Stadt bitten, frühzeitig in Gesprächen mit der Stiftungs-verwaltung als Grundeigentümerin darauf hinzuwirken, dass dort ausreichend große Flächen zur Realisierung von alternativen Wohnprojekten bereitgestellt werden.

Wir möchten ferner die Verwaltung bitten, zu prüfen, ob wir unser Anliegen im Bauausschuss vortragen können.

Hier kann sich  die Stadt mit uns eine Exzellenzinitiative leisten!

Meine Damen und Herren, ich hoffe, es ist deutlich geworden, dass wir mit unseren Projekten keine ausschließlich egoistischen Ziele verfolgen, sondern einen sozialpolitischen Handlungsbedarf  anstoßen und uns diesbezüglich  eine Kooperation mit der Stadt, wie auch mit den Wohlfahrtsverbänden und Pflegeinrichtungen wünschen.

Ich möchte mich im Namen aller 7 Vereine  bedanken, dass wir  unser Konzept vorstellen konnten. Insbesondere möchten wir uns bei Frau Tolles und Herrn Willmann vom Seniorenbüro bedanken, die uns immer berücksichtigen und uns diese Vortrag möglich gemacht haben.

Vielen Dank!

 

Quellen:

Doris Knaier, kath. Stiftungshochschule, München, Studienbereich „Independent Studies“, SS 2003

Prof. Klaus Dörner. Leben und Sterben wo ich hingehöre, …….Verlag

Forum für gemeinschaftliches Wohnen, verschiedene Erfahrungsberichte, www.fgw-ev..de

ZAG, Karlsruhe; Wohnsinn, Darmstadt, persönliche  Kontakte